Foto: stopfake.org

Fake: Die massenhaften zivilen Opfer in Butscha und der Region Kyjiw sind inszeniert

Dokumentation 4. Apr. 2022

Nach der Veröffentlichung von Aufnahmen von getöteten Zivilisten aus den besetzten Orten in der Region Kyjiw verbreiteten das russische Verteidigungsministerium, Kreml-Medien sowie Internetnutzer, die die russischen Kriegshandlungen unterstützen, aktiv die Desinformation, dass die massenhafte Tötung von Zivilisten durch das russische Militär in der Region Kyjiw angeblich „eine gezielte Inszenierung der ukrainischen Spezialeinheiten“ sei.

Insbesondere wird von einigen pro-Kreml-Telegram-Kanälen behauptet, dass es sich bei einem Video aus der Stadt Butscha, auf dem zahlreiche Leichen in den Straßen der Stadt zu sehen sind, um eine Inszenierung handelt und dass die toten Menschen in den Aufnahmen angeblich Statisten sind. Weiter behaupten andere Internet-Nutzer, dass die Zivilisten angeblich Opfer des Amoklaufs der örtlichen ukrainischen Territorialverteidigung geworden sein könnten, während andere wiederum fälschlicherweise behaupten, die Stadt stehe unter ukrainischer Kontrolle, wonach russische Soldaten diese Verbrechen gar nicht begangen haben können. Alle diese Behauptungen und Narrative lassen sich in einem Fakten-Check entkräften und widerlegen.

Screenshot – ria.ru

Ein bekannter Propagandist der russischen propagandistischen Zeitung „Komsomolskaja Prawda“, Aleksandr Kots, hat behauptet, dass die ukrainischen Sicherheitsdienste nach dem Vorbild der syrischen „Weißhelme“ arbeiten würden, die in Syrien angeblich Videoinszenierungen durchgeführt haben. Wir möchten Sie daran erinnern, dass es nicht das erste Mal ist, dass Kots den ukrainischen Behörden geplante Inszenierungen vorwirft. Zuvor hatte der Propagandist die Desinformation verbreitet, Vertreter der Weißhelme seien in die Ukraine gekommen, um einen Chemieangriff eine False-Flag-Aktion vorzubereiten. Ein anderer bekannter Propagandist, Jegor Kholmogorow, behauptet, Kyjiw hätte das „Massaker von Butscha“ erfunden, um schwere Waffen aus dem Westen zu erhalten. „Nach Butscha wird uns der Westen auf jeden Fall schwere Waffen geben, vielleicht sogar Flugzeuge. Aber die ganze Zeit haben sich die westlichen Beamten gewehrt und wollten sie uns nicht geben“, schreibt Kholmogorow unter Berufung auf den anonymen Telegrammkanal Legitimate.

Die Kreml-Propagandisten schenkten dem Video aus der befreiten Stadt Butscha, das zuvor von Rechtsanwalt Ilja Nowikow veröffentlicht worden war, die größte Aufmerksamkeit. Die Propagandisten versichern, dass die Menschen, die auf der Straße liegen, Statisten sind. „Das Video mit den Leichen ist verwirrend: hier bei 12 Sekunden bewegt die ,Leiche‘ rechts ihren Arm. Bei 30 Sekunden im Rückspiegel sitzt die ,Leiche‘ aufrecht“, schreibt das vom russischen Verteidigungsministerium zitierte Pseudo-Faktenchecking-Projekt „War on Fakes“. Diese Behauptungen halten jedoch der Kritik nicht stand. Das Video in bester Qualität zeigt deutlich, dass das, was die Propagandisten als „Handbewegung der Leiche“ bezeichnen, in Wirklichkeit ein Wassertropfen auf der Windschutzscheibe ist, und dass die „Körperbewegung dahinter“ nichts anderes als eine Verzerrung im Rückspiegel ist.

Ein Internet-User mit dem Namen Aurora-Intel hat die fragliche Szene mit der angeblichen Handbewegung auch nochmal durch eine Farb-Invert-Analyse verdeutlicht. Hiebei wird klar, dass es sich im Video eben tatsächlich um eine Spiegelung/optische Täuschung durch Regentropfen auf der Windschutzscheibe des fahrenden PKWs handelt.

Auch Reuters-Fotojournalisten besuchten das befreite Butscha. Auf einem ihrer Fotos kann man die Straße sehen, in der das Video aufgenommen wurde. Die Position der Leichen auf der Straße ist in beiden Fällen identisch, was ebenfalls eine Inszenierung ausschließt.

Screenshot – reuters.com

Die „Überprüfung der Fakten“ des Butscha-Videos wurde selbst sogar von einigen pro-russischen Gruppen kritisiert.

Es besteht kein Zweifel daran, dass das russische Militär der Zivilbevölkerung Gewalt angewendet hat. Dies belegen die zahlreichen Aussagen von Einwohnern der Ortschaften in der Region Kiew, die vorübergehend einen Monat lang vom russischen Militär kontrolliert wurden. So berichtete der Bürgermeister von Butscha, Anatoliy Fedoruk, von der Entdeckung eines Massengrabs, in dem 280 Zivilisten verscharrt wurden, und von Dutzenden von Leichen, die offen auf den Straßen der Stadt lagen, einige von ihnen mit gefesselten Händen und Folterspuren.

Die internationale Menschenrechtsorganisation Human Rights Watch hat inzwischen damit begonnen, Kriegsverbrechen des russischen Militärs auf dem Gebiet der Ukraine zu dokumentieren. Die Organisation hat bereits mehrere Fälle von Verstößen gegen die internationale Völkerrecht durch das russische Militär in den vorübergehend kontrollierten Gebieten der Regionen Tschernihiw, Charkiw und Kyjiw dokumentiert. Das von HRW veröffentlichte Dokument zitiert Augenzeugenberichte über Verbrechen, die zwischen dem 27. Februar und dem 14. März vom russischen Militär begangen wurden.

Screenshot – hrw.org

Die Beweise für den gewaltsamen Tod von Zivilisten wurden auch von Fotografen internationaler Medien dokumentiert, die zu den ersten gehörten, die die entvölkerten Städte in der Region besuchten – u.a. Reuters, AFP News Agency, Associated Press. Ein Korrespondent der Nachrichtenagentur AFP News Agency berichtete, dass 16 der 20 Leichen, die er sah, auf dem Bürgersteig oder in der Nähe des Bordsteins lagen. Drei weitere wurden mitten auf der Straße zurückgelassen und einer lag im Hof eines zerstörten Hauses. Neben einer der Leichen lag ein geöffneter Reisepass eines ukrainischen Staatsbürgers.

Auch der ukrainische Journalist Dmitrij Komarow, der auf seinem YouTube-Kanal einen Bericht aus Butscha veröffentlichte, bestätigte die Zahl der zivilen Opfer.

Die Propagandisten des Kremls bestreiten die Beteiligung des russischen Militärs an den Massenerschießungen von Zivilisten in der besetzten Region Kyjiw. Sie weisen darauf hin, dass auf zahlreichen Fotos und Videos aus den befreiten Gebieten Menschen mit weißen Armbinden zu sehen sind, die die Farbe der Armbinden haben, die vom russischen Militär als Erkennungszeichen verwendet werden. Der Propagandist Aleksandr Kots behauptete, die weißen Armbinden an den Ärmeln der Menschen deuteten darauf hin, dass diese zur russischen Armee übergelaufen seien und angeblich vom Militär wegen „Kollaboration“ mit den russischen Truppen erschossen worden seien. Diese Behauptungen werden jedoch durch die Aussagen der lokalen Bevölkerung, die die Besetzung überlebt hat, und durch Berichte des ukrainischen Geheimdienstes widerlegt. Die Tatsache, dass das russische Militär ukrainische Zivilisten zwang, weiße Armbinden zu tragen, wurde in Interviews mit Einheimischen von mindestens zwei Publikationen, Reuters und Suspilne.Noviny, dokumentiert. Zuvor hatte das Asow-Regiment berichtet, dass das russische Militär weiße Armbinden an Einwohnern von Mariupol trug. So verstecken sich russische Soldaten hinter Zivilisten.

Screenshot – t.me/sashakots

Das Conflict Intelligence Team, eine Voluntärprojekt, welches militärische Konflikte u.a. in der Ukraine untersucht, erklärte, sie seien fast sicher, dass Mitglieder der russischen Streitkräfte und/oder der Rosgvardia für die Morde verantwortlich seien. Die Streitkräfte des Östlichen Militärbezirks sowie Luftlandeeinheiten wie die 76. und 98. Luftlandedivision können in die begangenen Verbrechen verwickelt sein. Außerdem wurden Fahrzeuge von Rosgvardiya in der Region Kyjiw gesichtet, und tschetschenische Verbände waren auf dem nahegelegenene Flugplatz von Hostomel anwesend. Das Conflict Intelligence Team weist auch darauf hin, dass das bereits erwähnte 104. Fallschirmjägerregiment der 76. Luftlandedivision direkt in der Nähe von Butscha operiert haben könnte. Außerdem befanden sich mindestens zwei Soldaten des 234. Regiments derselben Division in der Gegend von Butscha, wo einer von ihnen gefangen genommen und ein anderer getötet wurde.

Das russische Verteidigungsministerium erklärte, die aus Butscha veröffentlichten Fotos und Videos seien eine Provokation gegen Russland, und während der Zeit, in der die Stadt unter der Kontrolle der russischen Streitkräfte stand, sei kein einziger Zivilist Opfer von Gewalt geworden. Dass es sich bei den massenhaften Opfern unter der Zivilbevölkerung um eine Provokation handele, werde auch durch die Tatsache bestätigt, dass Fotos und Beweise für Verbrechen erst am vierten Tag nach der Befreiung der Stadt aufgetaucht seien, erklärte das russische Verteidigungsministerium.

Screenshot – t.me/rian_ru

Das ist jedoch nicht der Fall. Erst am 2. April gelang es dem ukrainischen Militär, Butscha, Worsel und Hostomel einzunehmen. Am 31. März erklärte die Kiewer Militärverwaltung, dass diese Siedlungen weiterhin unter der Kontrolle der Streitkräfte stünden und dass sie mit Artillerie beschossen würden. Unabhängige Experten begannen bereits vor der Räumung Anfang März mit der Dokumentation von Kriegsverbrechen gegen Zivilisten in diesem Gebiet. Diese Berichte sind auf der von Bellingcat und dem Global Authentication Project erstellten interaktiven Karte zu finden.

Die ukrainische Nationalpolizei hat laut BBC eine Untersuchung der Ereignisse in Butscha eingeleitet, das Gebiet wird als Tatort behandelt.

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Fake: Die massenhaften zivilen Opfer in Butscha und der Region Kyjiw sind inszeniert
Es besteht kein Zweifel daran, dass das russische Militär massiv Gewalt gegen Zivilisten in dem Ort Butscha und der Region Kyjiw verübt hat. Dies wird durch zahlreiche Aussagen von Bewohnern in der Kyjiwer Region bestätigt, die seit mehr als einem Monat vom russischen Militär besetzt waren. Einige d

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